«Wir brauchen keine Befreiung...» |
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Interview mit P. Jan Schreurs |
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Als der Rebellenführer Kabila im November 1996 von Nordosten her in den Kongo eingefallen ist, ging alles sehr schnell. Wahrscheinlich hat er selbst nicht erwartet, dass es so einfach ablief. Allerdings war dies nicht ein militärischer, sondern vielmehr ein moralischer Sieg Kabilas. Die Bevölkerung war das Regime von Mobutu dermassen satt, dass sie Kabila mit offenen Armen empfing, denn, schlechter als unter Mobutu würde es wohl kaum werden. Mittlerweile hat sich die Situation wieder zugespitzt. Eine erneute Rebellion versetzt dem Kongo einen Rückschlag. Gespräch mit P. Jan Schreurs SDS. |
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«Jetzt oder nie!», sagte sich P. Jan Schreurs, als er am 5. März 1978 das Flugzeug Richtung Afrika bestieg. Schon während der Studienzeit war für den Salvatorianer klar, dass es ihn in die Missionen ziehen würde. Zehn Jahre war er schon im Priesterstand als er die Reise antrat und im Kongo seine neue Wirkungsstätte fand. Letzten November kehrte er für ein Sabbat&endash;Jahr nach Europa zurück. Auf der Durchreise ergab sich in Fribourg die Gelegenheit zum Gespräch. |
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Unterwegs: Wie wurde das öffentliche Leben von Kabila und seiner Partei organisiert? P. Jan Schreurs SDS: Die erste Zeit war eine Art moralische Erneuerung, so kann man festhalten. Von Anfang an hat Kabila nur seine Partei erlaubt und alle anderen verboten. Dann wurde begonnen, Seminare von einer Woche durchzuführen. Dabei ging es um eine Art moralischer Neuerziehung der Bevölkerung. Das hat Monate gedauert. Die Leute sind auch viel hingegangen. Vielleicht nicht so sehr aus Ueberzeugung, sondern eher, um Schwierigkeiten zu vermeiden und Vorteile zu erlangen. Eine Erziehung also zu mehr Ehrlichkeit und gegen Korruption. Wenn z.Bsp. irgendwo ein Betrunkener auf der Strasse war, dann haben die Soldaten ihn vorerst ganz freundlich nach Hause gebracht. Am nächsten Morgen sind sie wieder hin und der Mann bekamm als Strafe dreissig Stockschläge verpasst. Auch Taxifahrer, die mehr Leute transportierten als erlaubt, wurden auf der Stelle mit Stockschlägen bestraft. Wer nahm diese Aufgabe wahr? Polizei? Nein, Polizei gab es nicht, diese war noch nicht organisiert. Es handelte sich um die Soldaten Kabilas. Sie waren die einte Autorität. Die andere war die Partei. Diese strenge Haltung änderte sich natürlich nach einiger Zeit, die Moralerziehung begann im Sand zu verlaufen. Und doch muss ich sagen, jedoch spreche ich hier nur von unserer Gegend, denn das Land ist gross, sodass man eigentlich nie genau weiss, was in anderen Regionen geschieht. Ich habe einige Male per Funk Kontakt gehabt mit anderen Missionaren aus dem Norden des Landes, da war die Situation ganz anders. Wir haben in dieser Zeit nach Kabila, so kann ich sagen, die ruhigste Phase seit vielen Jahren gehabt. Die Leute konnten sich frei bewegen ohne von Soldaten belästigt zu werden, wie dies unter Mobutu ständig vorkam. Es gab keine Schwierigkeiten. Bis dann im August letzten Jahres wieder eine Rebellion losging. Wie bei Kabila, auch von Nordosten her. Weshalb dann diese erneute Welle einer Rebellion? Wer beteiligt sich dieses Mal daran? Kabila hatte ja keine eigene Armee, um Mobutu zu entmachten. Er kam unter Mithilfe von Soldaten aus Ruanda und mit Tutsis an die Macht. Wahrscheinlich, so nimmt man an, hat ihnen Kabila Zusicherungen gemacht. Jedenfalls wurden dann wichtige Posten von Ruandern besetzt. So entstanden erneute Spannungen, auch unter der Bevölkerung, die sich vermehrt als ruandische Kolonie sah. Es gab dann in der Folgezeit immer mehr Druck auf Kabila. Man wollte die Macht, die einige Ruander im Kongo ausübten, da sie mittlerweile überall im Land auf wichtigen Posten sassen, nicht mehr länger hinnehmen. Mit Gewalt musste Kabila dann die ruandischen Soldaten zurückschicken. Nachdem durch diese Leute ein Staatsstreich organisiert worden war, entliess er seine engen, ruandischen Mitarbeiter. Hier ist nun wahrscheinlich auch der Ursprung der erneuten Rebellion zu suchen. Schnell haben diese Leute die restlichen Anhänger Mobutus um sich gesammelt um die Rebellion durchführen zu können. Wie sieht denn die Situation im Moment aus? Die Presse war von aller Anfang an auf der Seite der neuen Rebellen. Die Berichterstattung Europas, vor allem Frankreichs und die der USA hat klar Stellung bezogen. Solange die Rebellen vorangekommen sind, wurde immer viel berichtet. Seitdem die Lage stagniert ist und keine Seite mehr vorankommt, denn Kabila kann sie nicht zurückdrängen und die andere Seite kommt auch nicht mehr voran, hört man eigentlich fast nichts mehr. Die Presse hat ihr Interesse abgemeldet. Die Rebellen ihrerseits können natürlich auch nichts ausrichten ohne Hilfe. Nur, wer hilft? Ruanda ist ein kleines Land und selbst schon jahrelang mit grossen innenpolitischen Schwierigkeiten beschäftigt. Da gibt es keine Möglichkeit, im Nachbarland noch eine Rebellion zu unterstützen. Von Uganda können die Rebellen auch nichts erwarten. Wer also steckt dahinter? Viele sagen, dass es Amerika sei. Amerika hat Kabila am Anfang geholfen, wurde dann aber verärgert durch dessen Besuche in China, in Kuba und in Lybien. Da Kabila wahrscheinlich zu unabhängig wurde und nicht mehr machte, was Amerika wollte, sicher auch, weil er selbst keine politische und internationale Erfahrung hatte, liess man ihn fallen. Wird Kabila weiterhin der starke Mann bleiben? Zumindest für die Bevölkerung? Ich kann auch hier nur von unserer Region sprechen. Bis heute steht dort die Bevölkerung hundertprozentig hinter Kabila. Die neue Welle der Rebellion hat überhaupt keine Sympathie gewonnen. Die offiziellen Sprecher der Rebellen reden von Befreiung. Unsere Leute aber fragen, Befreiung von was? Wir waren nie so frei wie jetzt, wir brauchen keine Befreiung! Bevor ich letzten November von Afrika zurückkehrte, verbrachte ich noch eine Woche in Tansania. Dort begegnete ich einigen Leuten aus den besetzten Gebieten. Diese hatten nur einen Wunsch: dass sich Kabila so schnell wie möglich wieder durchsetzen möge, da sie mit dieser neuen Rebellion überhaupt nicht zufrieden seien. Da würde auch allerhand in Sachen Menschenrechtsverletzungen laufen. Wird das Land durch diesen erneuten Konflikt nicht wieder um Jahre zurückgeworfen? Der Krieg hat leider sehr
viele schlechte Folgen für das Land. Um nur auf etwas
hinzuweisen: unter Kabila konnte die Geld&endash;Entwertung
gestoppt werden. Dies war vor allem auch für die
Bevölkerung eine unheimliche Bereicherung und
vereinfachte das tägliche Leben ungemein. Letzten
August, als die Rebellen einmarschierten, erfuhr die
Währung sofort eine Entwertung, das erschwert die ganze
Situation zusätzlich. So wird momentan alles Geld
wieder in einen Krieg investiert. Ist absehbar, wie lange dieser Konflikt dauern wird? Kabila hat von Anfang an
gesagt, dass es eine lange Geschichte werden würde. Er
ist sogar bereit, wie er sagte, die Bevölkerung zu
bewaffnen, wenn diese Rebellion andauert. Das wäre
natürlich eine Katastrophe. Denn all die Arbeitslosen,
die Jugendlichen, die keine Beschäftigung haben, wenn
all diese Leute mal bewaffnet wären, das gäbe eine
furchtbare Situation. |
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