Ein Haus - Kreuzung der Menschenwege

 Wieslaw Stempak, sds

In Kehrsiten am Vierwaldstättersee entsteht eine neue Frauen-Ordensgemeinschaft: «Die Spirituelle Weggemeinschaft». Wir haben sie für unsere Leserinnen und Leser besucht. Reportage.


«Wir müssen die Polizei benachrichtigen» &endash; hat es geheissen, als ich dieses Haus besuchen wollte. Um das zu verstehen, muss man den Ort und die Umgebung kennen. Das Dorf Kehrsiten, wo das Haus sich befindet, liegt am Ufer des Vierwaldstättersees. Wer den See kennt, weiss, dass seine Ufer das Wasser mit drohenden Felsen umarmt,

als ob er es nur für sich behalten wollte. In diese Felsen ist es nicht einfach, einen Weg hinein zu bauen: nur ein, für ein Auto schmaler Pfad &endash; ein Wunderwerk der Baumeister &endash; führt zum Dorf Kehrsiten. Dies ist auch der Grund, warum man die Polizei anrufen soll: der Verkehr muss geregelt sein, sonst ist das Strässchen verstopft und die Bewohner des Dorfes von der Aussen Welt abgeschnitten.

Die Ortschaft war an diesem Tag von einem dicken Nebel eingehüllt. Die Luft war klebrig und kalt. Von irgendwoher kamen Kinderschreie. Von den Mauern der Häuser herab schauten mich fragend die Fastnachtsmasken mit ihren grossen Augen an: «Was willst du hier, du Fremder?» Mein Begleiter sagte, als ob er meine Gedanken gespürt hätte: «Es ist hier wunderschön, wenn die Sonne scheint!» &endash; «Ach, ja?» habe ich zweifelnd gebrummt.

Das Haus war nicht klein &endash; etwas tiefer als die Strasse gelegen, versteckte es sich hinter den Bäumen. Von der anderen Seite des Hauses sah ich die faltige Fläche des Sees. Vor der Tür fragte ich mich noch: was kommt jetzt? Aber schon beim Öffnen der Tür sind meine Gedanken zerstreut worden. Eine angenehme Wärme strömte durch die geöffnete Tür heraus.

Schwester Maria Baptista öffnete uns die Tür. Eine junge Frau. Ihr Gesicht erinnerte mich sofort an eine Popsängerin. Vom ersten Augenblick an spürte ich: das Haus &endash; das ist nicht das Gebäude, die Wände, die Möbel. Das Haus, das sind die Menschen, die dort leben, die Gemeinschaft, die man in jedem Raum spürt.

Sr. M. Baptista führte uns in die Kapelle hinein, wo wir die anderen Bewohnerinnen des Hauses vorfanden. Alle waren seit längerer Zeit da. «Wir widmen bestimmte Zeiten des Tages dem gemeinschaftlichen Gebet für die Anliegen, die uns anvertraut werden», sagte uns später S. Maria Andrea, die Oberin und Gründerin der Gemeinschaft. In der Kapelle sassen alle Schwestern auf dem Boden oder auf Meditationshockern ohne Schuhe um den runden, kleinen Altar herum. Versenkt im Gebet, in der Meditation, waren diese Frauen doch ganz da. Sie hatten nichts von der kalten Seligkeit der Marmorskulpturen der Heilgen an sich. Schwester Maria Bernarda zum Beispiel: Mit ihrem gütigen Blick und mit dem kleinen Rosenkranz, sah sie aus wie meine Oma, so «heimlig».

Die Kleider der Ordensfrauen fesselten meine Aufmerksamkeit. «Unser Kleid soll unser Leben symbolisieren», sagte S. Maria Renata, «das heisst seine zwei Seiten: die spirituelle und die aktive». Ganz ungewöhnlich fand ich die violetten Kopftücher. «Die Farbe stellt die drei Elemente dar: Fleisch (rot), Seele (weiss) und Geist (blau), dessen Mischung gibt violett» &endash; erklärte die Sr. Oberin nach dem Gebet. Auch das Ordenskleid und der Gürtel zogen meinen Blick durch ihre ungemeine Schlichtheit an. «Der Habit soll praktisch sein: er ist aus einem Naturstoff zugeschniten. Er hat aber auch eine symbolische Bedeutung, denn es stellt das Kreuz dar», fuhr Sr. Andrea fort.

Mein Begleiter und ich waren die einzigen Gäste an diesem Tag. «Es ist eine grosse Ausnahme, dass keine Gäste da sind», liess Sr. Oberin uns wissen. Freundlicherweise wurden wir, wie alle Gäste, die das Haus besuchen, zum Mittagessen eingeladen.

Im Esszimmer war ein grosser Tisch mit einem Salat- und Gemüseteller bereit. Alle Schwestern versammelten sich und begannen das Essen mit einem Lied. Es war eine familiäre Atmosphäre während der ganzen Mahlzeit. «Wo seht ihr, Schwestern, eine Aufgabe für euch, für das Haus?» habe ich während des Essens gefagt. «Wir wollen den Menschen in unserem Haus begegnen und sie in ihren vielfältigen körperlichen und seelischen Nöten begleiten auf dem Weg, indem wir ihre Schmerzen und Schwierigkeiten mittragen und in beständiger Fürbitte der Liebe Gottes überantworten» &endash; erwiderte S. Maria Andrea. «Wir möchten, dass unser Haus ein Ort wird, wo die Menschen, die belastet und überfordert sind, ihre Seele auftanken können» &endash; fügte Sr. Maria Renata hinzu. «Wir wollen Glaubens- und Lebenshelferinnen sein» &endash; beendete Sr. Maria Jakoba.

Zum Leben einer Gemeinschaft gehört auch das Kochen, Waschen, der Garten usw. Für diese Aufgaben sind auch die Schwestern da. Sr. Maria Baptista ihrerseits modelliert Tonfiguren und verkauft sie im Geschäft neben dem Haus. Das Leben ähnelt also dem einer Familie. «Wir wollen keine grossen Gemeinschaften bilden» &endash; überzeugte uns Sr. M. Andrea &endash; «Wir möchten diese familiäre Atmosphäre pflegen, um die Menschen, die mit ihren Problemen zu uns kommen, auf ihrem Weg ohne Hindernisse begleiten zu können»

Eine gute Stimmung begleitete unsere Tischgemeinschaft und mein Begleiter und ich hatten eigentlich keine Lust, sie zu unterbrechen. Leider verging die Zeit allzu schnell und wir mussten das Haus verlassen. Draussen erwartete uns wieder der Nebel. Im Auto stellte ich die Heizung an, um noch etwas von der Wärme dieses Hauses zu bewahren. Im dicken Nebel verschwand das Haus sehr schnell aus dem Rückspiegel meines Autos.


Kurze Geschichte der Spirituellen Weggemeinschaft

1973 wurde die Internatsschule der Kapuzinerinnen in Maria Hilf in Altstätten, SG, geschlossen.
Eine Gruppe der Schwestern wollte mit einem neuen Apostolat ihre Anwesenheit in Maria Hilf kennzeichnen. Sie haben ihre Aufgabe in der geistlichen Begleitung und Wegweisung von Menschen als wichtig für die heutige Zeit empfunden. Durch die Meditations- und Gebetsvertiefungskurse wollten sie dieses Verlangen erfüllen und die Menschen auch über diese Tage hinaus spirituell begleiten. Die Ausübung dieser Tätigkeit war jedoch schwierig mit den Regeln eines geschlossenen Kapuzinerinnenklosters zu verknüpfen. Deshalb sind am 11. April 1990 nach langem Suchen und Gesprächen mit Bischof Othmar Mäder sechs Schwestern aus Maria Hilf nach Kehrsiten ausgezogen.

Dort konnten sie mit bischöflicher Genehmigung provisorisch ihr eigenständiges Leben führen. Nach achtjähriger Probezeit ist die «Spirituelle Weggemeinschaft», wie sie sich nennt, am 25. April 1998 durch bischöfliches Dekret in kanonischer Form als «Institut des geweihten Lebens», also als rechtmässige Ordensgemeinschaft, errichtet worden. Am 22. August haben die ersten sechs Schwestern in der Wallfahrtskirche Hergiswald die ewigen Gelübde abgelegt. Drei Novizinnen versprechen der jungen Gemeinschaft eine gute Zukunft.


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